Bildung löst alles!
Freitag, 05. Februar 2010, 10:49 Uhr | Beitrag von:
StudiVersum
Es gibt eine politische Forderung, die breite Unterstützung findet und kaum je in Zweifel gezogen wird. Die Sätze dazu lauten so: «Unser vielseitiges und hochwertiges Bildungsangebot ist das Öl und Gold der Schweiz.» (Christine Egerszegi-Obrist, FDP) – «Wir brauchen keine Mythen und keine Mauern um unser Land. Wir brauchen mehr Bildung.» (Kathy Ricklin, CVP) – «Bildung ist unser wichtigster Rohstoff.» (Jacqueline Fehr, SPS) – «Wohlstand für alle heisst heute und morgen: Bildung für alle.» (Angela Merkel, CDU).
Mangelnde Bildung wird mit Problemen verknüpft. So äusserte sich der langjährige Integrationsbeauftragte des Kantons Basel-Stadt, Thomas Kessler (GPS), 2001 im «Beobachter» wie folgt: «Nach allen Erkenntnissen der Kriminologie ist der typische Gewaltkriminelle ein junger Mann mit mangelhafter Bildung und entsprechend schlechten Berufsaussichten.»
Und der deutsche SPD-Politiker Thilo Sarrazin sagte dem Magazin «Lettre» kürzlich, dass «eine grosse Zahl an Arabern und Türken» in Berlin «keine produktive Funktion, ausser für den Obst- und Gemüsehandel» hätte – was fast so wirkt, als sei das Versorgen der Menschen mit Gemüse keine wichtige wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufgabe.
Verhaltensauffällige Kinder aus gebildeten Familien
Führt also mehr Bildung zu weniger gesellschaftlichen Problemen? Wie schön wäre es, wenn es keine Kinder mehr gäbe, die den Unterricht stören oder andere Kinder mobben. Keine Jugendliche, die öfters vor Gericht stehen, als dass sie in der Schule auftauchen. Keine Ehemänner, die ihre Ehefrauen in der Wohnung einsperren. Keine religiösen Fanatiker, die Terroranschläge verüben.
Doch gemäss neusten Informationen kommen einige der verhaltensauffälligsten und den geordneten Schulbetrieb am meisten gefährdenden Schulkinder aus gut bis sehr gut gebildeten Familien, die ihren Sprösslingen viel Zeit und Aufmerksamkeit zuteil kommen lassen. Michael Winterhoff, Kinderpsychiater aus Bonn und Autor des seit Monaten die deutschen Bestsellerlisten besetzenden Buchs «Warum unsere Kinder Tyrannen werden», sagte der Zeitschrift «Cicero»: «In meiner kinderpsychiatrischen Praxis habe ich es meist mit intakten Familien zu tun, mit liebenden Eltern, mit Geschwisterkindern. Die Verhaltensauffälligkeiten reichen hinein in die Mitte der Gesellschaft, auch und gerade im sogenannten bürgerlichen Milieu.»
Wissen mit kurzem Aufenthalt im Kurzzeitgedächtnis
Der russische Schriftsteller Leo Tolstoj lehnte den obligatorischen Schulbesuch ab – die Kinder sollten freiwillig zur Schule kommen und weder von Strafe noch Ermunterung manipuliert werden. Und so ist es: Kinder sind wissbegierig – das wird jeder bestätigen können, der schon mal mit einem vierjährigen Kind zu tun hatte. So sind wir alle. Wir nehmen auf, was uns interessiert. Die allermeisten anderen Informationen nehmen nur im Kurzzeitgedächtnis Einsitz. Sie bleiben so lange, bis die Prüfung, der Vortrag, die Sitzung vorbei ist. Spätestens wenn das Schuljahr vorbei ist, geht ein Grossteil des vermeintlich angeeigneten Wissens für immer verloren.
Wer den unbedingten Wunsch verspürt, das nur begrenzt alltagsnützliche Fach Mathematik nicht über das essenzielle Erlernen der Grundrechenarten hinaus zu verfolgen, hat diese Freiheit nicht. Er muss sich, mangelndes Talent und Interesse negierend, im Rahmen seiner Schulpflicht mit geometrischen und algebraischen Problemen auseinandersetzen. Die ideale Idee der vertieften Allgemeinbildung schneidet sich aber schon längst mit dem in den Schulen seit Jahren umgesetzten Trend der Individualisierung.
Ausbildungszwang
Die Fragen seien erlaubt: Muss ein virtuos schneidender Coiffeurlehrling durch die Abschlussprüfung rasseln, weil er die chemischen Formeln zum Haarefärben nicht begreift? Braucht eine Frau, die Hebamme werden will, eine bestandene Maturitätsprüfung, um überhaupt zur Aufnahmeprüfung der Hebammenschule zugelassen zu werden? Geht die Karriere im mittleren Kader ohne irgendeine Ausbildung tatsächlich nicht vorwärts, auch wenn eine Befähigung für höhere Aufgaben gegeben ist?
Es gab noch nie so viel Bildung wie heute. Die Bevölkerung hat nicht nur das Recht zum gemeinschaftsgeförderten Schulbesuch, sondern die Pflicht dazu. Heerscharen von zunehmend weiblichen Studierenden verbringen Jahrzehnte an Schuleinrichtungen aller Art – manche von ihnen schliessen diese Zeit mit der Geburt eines Kindes ab oder nehmen einen Job an, für den sich ihre bisherige Bildung als gänzlich unnütz zeigt.
Überall Akademiker
Im Mehrfamilienhaus in Berlin, wo ich wohne, bin ich zusammen mit dem Gemüsehändler an der Ecke der einzige Nicht-Akademiker im Haus. Auch in der Medienbranche wimmelt es von Akademikern. Die von eher ungebildeten Lesern konsumierten «Blick»-Schlagzeilen werden von studierten Germanistinnen geschrieben, die politische Kolumne im «Tages-Anzeiger» von einem Absolventen der Philosophie- und Literaturwissenschaften. Dabei wäre es gerade im Journalismus wichtig, dass dieser von allen Lagern betrieben wird, also von Menschen aus jeder Schicht und aus jeder Altersgruppe.
In vielen Familien ist das Studium eine Prestigefrage, die mit Geld beantwortet wird, Eignung und Interesse spielen dabei keine Rolle. Das führt zu einer Verwässerung des Niveaus. Die Zürcher Band «Baby Jail» fragte 1990: «Wer hat sich beim Rasenmähen die Zehen abgetrennt?» Und antwortete mit dem Songtitel: «Der dumme Student.»
Natürlich sind Studierende nicht alle doof und faul. Doch sie stehen sich an den Universitäten gegenseitig auf den Füssen rum. Wer einen Platz im Hörsaal ergattert hat, schreibt mit, was der lehrende Professor erzählt. Hat er ein Fach wie «Medienwissenschaften» belegt, dann kann es gut sein, dass ihm etwas erzählt wird, das vor dem Internetzeitalter durchaus mal wahr war.
Dauerverfügbare Wissenshalde Internet
Überhaupt, das Internet: In wenigen Sekunden liefert es den nach Wissen Fragenden Antworten. Unzählige Quellen sind nahezu sofort verfügbar. Das, was es braucht, um diese Quellen einzuordnen, nämlich Medienkompetenz, wird gar nicht gelehrt. Einerseits, weil neue Entwicklungen den aktuellen Wissensstand ständig überholen, andererseits, weil Medienkompetenz in der als Elite bekannten Schicht oft gar nicht vorhanden ist. Man möchte sich nicht vorstellen, wie Lehrkräfte im fortgeschrittenen Alter zusammen mit Schülern im Computerraum sind - wer kann hier wem was beibringen?
Wer etwas wissen will, hatte noch nie so gute Chancen wie heute, es in Erfahrung zu bringen. Der Weg zu mehr Wissen führt nicht über immer noch mehr Bildungsangebote, sondern über den Zugang zum Internet, zu Datenbanken, zu Bibliotheken; über Kommunikation zwischen beteiligten Parteien sowie über Interesse und Eigeninitiative. Es braucht nicht mehr Geld für Bildung, sondern generell weniger Regulierung. Schüler, die selbst aktiv werden. Und Führungskräfte, die auch mal mutige Entscheide treffen.
Gastautor Ronnie Grob kommt aus Zürich, wohnt in Berlin und hat eine dreijährige kaufmännische Lehre abgeschlossen. Er schreibt auf blog.ronniegrob.com und ist beim Medien-Watchblog bildblog.de für die wochentäglich um 8:54 Uhr erscheinende Medienschau zuständig.
Veröffentlicht vor 1 Monat, 1 Woche, 5 Tage, 13 Stunden, 44 Minuten | Permalink |
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