Sonne aus der Steckdose

Montag, 08. Februar 2010, 15:21 Uhr | Beitrag von: StudiVersums AvatarStudiVersum

Auf Knopfdruck ist es verfügbar: Licht. Kaum jemand möchte in der heutigen Zeit auf die stets verfügbare Helligkeit verzichten. Licht ist ein wahrer Alleskönner: Richtig eingesetzt hilft es gegen Juckreiz, Jetlag und Depressivität.

Wieder hat er uns eingeholt, der elende Winter. Die Tage sind dunkel und kalt geworden und wer morgens nicht unbedingt aus dem warmen Bett kriechen muss, der bleibt gerne noch ein Weilchen liegen. Mit dem Wintereinbruch verändern sich nicht nur die Aussentemperaturen, sondern auch die im Freien herrschenden Lichtverhältnisse. Die Beleuchtungsstärke wird in Lux angegeben und mit dem Luxmeter gemessen. Ein heller Sommertag weist bis zu 100’000 Lux auf, an einem wolkenbedeckten Wintertag sind es gerade Mal 3’000 Lux. Zum Vergleich: Die Lichtstärke von Bürobeleuchtungen liegt ungefähr bei 800 Lux. Je schwächer das Tageslicht draussen ist, desto stärker sind wir auf Kunstlicht, respektive auf die «Sonne aus der Steckdose», angewiesen.

Sonnenlicht beeinflusst alle Lebensrhythmen, unter anderem auch das Gemüt. Die abnehmende Lichtstärke im Herbst schlägt vielen Menschen auf die Laune, sie werden niedergeschlagen und antriebslos. Es kommt zum «Winterschlaf im Kopf». Zusammengefasst: Trübes Licht verschafft trübe Laune. Aber wie können die sich verändernden Lichtverhältnisse die Stimmung der Menschen derart beeinflussen?

Der innere Dirigent

Abends werden wir müde und gehen schlafen, morgens wachen wir auf. Der Stand der Sonne teilt uns mit, ob es an der Zeit ist, dem Kopfkissen einen intensiven Besuch abzustatten oder der Kaffeemaschine morgendliche Grüsse zu überbringen. Das Sonnenlicht ist der wichtigste Schrittmacher des Schlaf-Wach-Rhythmus. Das Licht gelangt durch die Augen zu den lichtempfindlichen Pigmenten in der Netzhaut, welche die Informationen an verschiedene Hirnregionen weiterleiten, unter anderem zum «Nucleus Suprachiasmaticus». Gerade mal so gross wie ein Reiskorn, vermag es dieses Kerngebiet, die Signale über die herrschenden Lichtverhältnisse wahrzunehmen und an weitere Schaltkreise im Gehirn zu senden. Nicht umsonst wird der Nucleus Suprachiasmaticus als innerer Dirigent bezeichnet, der die körperinternen Prozesse mit dem Tages- und Nachtwechsel abgleicht. Hungergefühl, Körpertemperatur, Herzfrequenz, Blutdruck und eine Reihe anderer Prozesse hängen von diesem Zeitgeber ab.

Gegen Abend nimmt die Lichtstärke der Sonne ab. Immer weniger Signale werden von den lichtempfindlichen Rezeptoren in der Netzhaut an den Nucleus Suprachiasmaticus weitergegeben. Als Folge schüttet das Gehirn «Melatonin» aus, ein Hormon, das in der Zirbeldrüse gebildet und salopp als «Schlafhormon» bezeichnet wird. Die Augenlider werden schwer, die Körpertemperatur sinkt, der Körper stellt auf Nachtruhe um. Wer jetzt noch anstrengende Arbeit zu erledigen hat, muss mit Müdigkeit, Konzentrationseinbussen und höherem Fehlerrisiko rechnen. In den Morgenstunden, wenn das Sonnenlicht wieder zunimmt, wird die Melatoninproduktion gebremst. Das Hormon wird abgebaut und das Aufwachen – eventuell zusätzlich unterstützt durch einen Cappuccino – stellt sich ein.

Winterschlaf im Kopf

Das Sonnenlicht taktet aber nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche. Mit Einbruch des Winters verkürzen sich die Tage, es wird früher dunkel und die Melatoninproduktion steigt an. Melatonin hat gemäss Studien eine «depressogene» Wirkung. Das heisst: Wenn die Melatoninproduktion und deren Abbau in den frühen Morgenstunden nicht zeitig gestoppt wird, steigt die Gefahr für depressive Verstimmungen. Und da die morgendliche Helligkeit im Winter länger auf sich warten lässt und schneller wieder verschwindet als im Sommer, tritt in der kalten Jahreszeit häufig die sogenannte «Winterdepression» auf.

Gegen depressive Verstimmungen hilft das richtige Licht. Das beste Rezept ist das natürliche Sonnenlicht. Spaziergänge am frühen Morgen bringen nicht nur den Kreislauf, sondern auch das Gehirn in Schwung. Da sich die Sonne im Winter aber nicht immer von ihrer zuverlässigsten Seite zeigt, können dem Sonnenlicht nachempfundene, helle Lampen verwendet werden. Bei der «Lichttherapie» exponiert sich der Patient täglich gleich nach dem Aufstehen eine halbe Stunde lang einer sehr hellen Lampe mit UV-Filter. In ungefähr einem Meter Abstand wird er mit einer Lichtstärke von ungefähr 10’000 Lux bestrahlt. Der Patient muss nicht direkt in die Lampe schauen; von Bedeutung ist nur, dass das Licht auf die Netzhaut fällt und die lichtempfindlichen Pigmente in der Netzhaut ordentlich wachrüttelt. Man kann dabei lesen, telefonieren, essen, sinnieren – Hauptsache, in der optimalen Nähe zur Lichtquelle.
Helles Licht führt also gewissermassen zu einem positiven Stimmungsumschwung. Nach durchschnittlich vier Tagen Lichttherapie normalisieren sich die Stimmung, der Schlaf und der Antrieb bei Menschen mit Winterdepression. Die positive Wirkung stellt sich nicht nur beim Winterschlaf im Kopf, sondern bei allen Depressionsarten ein, wenn auch nicht mit gleichem Erfolg. Selbst bei gesunden Personen trägt die tägliche Lichtexposition erwiesenermassen zum Wohlbefinden bei.

Gute Laune zum Selberbasteln

Dasselbe Prinzip kann auch beim Jetlag angewendet werden. Eine Reise über mehrere Zeitzonen wirft den Körper aus seinem Rhythmus – plötzlich stimmen die Schlafzeiten, das Hungergefühl und die Lichtverhältnisse nicht mehr mit dem gewohnten Tagesablauf überein. Tagsüber kippt man vor Müdigkeit fast aus den Latschen, nachts hätte man Lust, Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Und wenn morgens Frühstücksflocken aufgetischt werden, ruft der Magen stattdessen nach einem deftigen Hamburger mit Pommes. Mindestens drei Tage dauert es, bis Körper und Umwelt wieder im Einklang sind. Beim Jetlag-Syndrom zeigen sich vor allem erhöhte Müdigkeit am Tag, Einschlaf- und Durchschlafprobleme, reduzierte Leistungsfähigkeit, Übelkeit und schlechtes Allgemeinbefinden.

Wer einen längeren Flug in eine andere Zeitzone plant, kann sich mittels Lichtexposition auf die Zeitverschiebung vorbereiten. Mit starkem Licht kann man den Körper schrittweise darauf trainieren, früher wach oder müde zu werden und so die Schlaf- und Wachzeiten im Vorfeld etwas nach vorn oder hinten verschieben. Eine Lichttherapielampe hilft dabei, den Körper langsam umzustellen. Im Handel muss man pro Gerät je nach Grösse mit einem Preis von 500 bis 2000 Franken rechnen. Mit der richtigen Anleitung und dem entsprechenden Werkzeug kann ein solches Gerät aber problemlos selber gebastelt werden (Link: siehe Kasten). Die Lampe kann zuhause fix aufgestellt werden, im Handgepäck bei einem Transatlantik-Flug könnte es allerdings schwierig werden. Mittlerweile bieten einige Fluggesellschaften auf Langstreckenflügen spezielle Kopfbedeckungen mit eingebauten Lampen an, um dem Jetlag bereits während des Flugs entgegenzuwirken.

Wenn’s juckt und beisst

Doch Licht kann noch viel mehr: Gezielt eingesetzt, verschafft es bei Hautkrankheiten wie Neurodermitis oder Schuppenflechte (Psoriasis) Linderung. Die Wirkung beruht auf den im Licht enthaltenen ultravioletten Strahlen, die einen entzündungshemmenden und Juckreiz lindernden Effekt haben. UV-Strahlen töten Bakterien ab, die auf der Haut Entzündungsprozesse auslösen und im Gang halten.

Der Patient begibt sich in eine Kabine und wird je nach Krankheit lokal oder ganzflächig mit einer vorab bestimmten Mischung aus UV-A- und UV-B-Strahlen bestrahlt. Die Augen müssen als Schutz vor Strahlenschäden mit einer UV-Brille abgedeckt sein, ebenso beim Mann die Genitalien. Regelmässig angewandt können die Entzündungsherde auf der Haut schon nach wenigen Behandlungen eingedämmt werden. Seit 2000 Jahren ist die positive Wirkung von UV-Strahlen auf schlecht heilende Wunden, Akne und allerlei Hautleiden bekannt.

Blau zum Lernen

Licht – so lautet auch der Tipp für jene Studierenden, die am Morgen partout nicht aus dem Bett kommen. Wer im dunklen Zimmer kaum ein Auge aufbringt, dem verspricht ein sogenannter «Lichtwecker» Besserung. Die Lampe springt bis zu 30 Minuten vor der eingegebenen Weckzeit an und nimmt langsam an Helligkeit zu. So werden sommerliche Lichtbedingungen simuliert. Während draussen noch tiefste Nacht herrscht, findet im Schlafzimmer der Sonnenaufgang aus der Steckdose statt. Das «Wake Up Light» weist jedoch nur 300 Lux auf – das reicht, um aufzuwachen, aber wahrscheinlich nicht, um wirklich wach zu werden. Für Morgenmuffel, die sich auch durch Licht nicht beeindrucken lassen, ist im Lichtwecker auch ein Radio eingebaut – sicher ist sicher. Die Geräte gibt es für rund 230 Franken zu kaufen.

Ein weiterer Lichttipp für Studis besteht in der richtigen Lichtfarbe: blau. Die Farbe des Lichtes, respektive dessen «Temperatur», wird in der Masseinheit Kelvin gemessen. Tageslicht hat eine Farbtemperatur von rund 5’600 Kelvin. Forscher an der Universität Surrey in der Nähe von London haben herausgefunden, dass die Leistungsfähigkeit und die Konzentration bei bläulichem Licht (17’000 Kelvin) am besten ist. Studierende sollten in einer Lichtumgebung lernen, die im Spektrum hohe Blauanteile enthält. Mit dem richtigen Licht fällt also nicht nur das Munterwerden am Morgen, sondern auch das Lernen leichter.

Zur Info

Das, was wir im Alltag schlicht als «Licht» bezeichnen, ist die für den Menschen sichtbare elektromagnetische Strahlung zwischen 380 und 780 Nanometern Wellenlänge. Die Wahrnehmung der Lichtstärke wird durch die Stäbchenzellen und die Farbwahrnehmung durch die Zapfenzellen in der Netzhaut ermöglicht. Das Sonnenlicht ist eng mit unseren Lebensgewohnheiten verknüpft. Sonnenlicht verhilft uns nicht nur zum Sehen, sondern nimmt Einfluss auf das Gemüt, die Gesundheit und den Schlaf-Wach-Rhythmus.

Text Barbara Ritter, Bild Tamara Widmer

Tell a Friend

Absender

Empfänger

Nachricht

Veröffentlicht vor 1 Monat, 1 Woche, 2 Tage, 9 Stunden, 12 Minuten | Permalink | Bookmark and Share

Neuen Kommentar verfassen:

Kontakt-Details (oder gleich registrieren bzw. einloggen):

Zusätzliche Informationen/Funktionen: